Hannover - Mit den Gefahren von Keimen, die gegen Antibiotika resistent sind, beschäftigte sich kürzlich der Niedersächsische Landtag. Fazit: Antibiotika in der Tierhaltung sind nur ein kleiner Teil des Problems.
Ministerin Özkan machte deutlich, dass es sich bei der Entwicklung von Antibiotika-Resistenzen um sehr komplizierte Zusammenhänge handelt.
© Ministerium für Gesundheit
Unter der Überschrift „Gefahr aus dem Stall: Immer mehr Menschen erkranken an resistenten Keimen - was tut die Landesregierung?“ konfrontierten die Bündnisgrünen im Landtag Anfang Dezember die Regierung mit einer dringlichen Anfrage. In der Begründung beriefen sie sich auf Schätzungen, wonach jährlich 7.500 bis 40.000 Menschen sterben, nachdem sie sich in Krankenhäusern mit Keimen infizierten. Häufig seien diese gegen Antibiotika resistent.
Die Grünen-Politiker führten eine Untersuchung des Landesgesundheitsamtes an, nach der ein Fünftel der in 34 niedersächsischen Krankenhäusern gefundenen resistenten Keime aus dem Veterinärbereich stammen. Sie wollten daher wissen, mit welchen Maßnahmen die Landesregierung die Ausbreitung solcher Keime eindämmen will und welche Bedeutung sie „dem ungezielten Einsatz von Antibiotika, insbesondere in der Massentierhaltung“ beimisst.
Die Landesregierung nimmt das Problem der resistenten Erreger sehr ernst, erklärte Gesundheitsministerin Aygül Özkan dazu. So hatte die Regierung erst im November ausführlich an selber Stelle über die Initiativen im Veterinärbereich debattiert. Zuvor gab es im April 2011 eine ausführliche Information.
Ministerin Özkan machte deutlich, dass es sich bei der Entwicklung von Antibiotika-Resistenzen um sehr komplizierte Zusammenhänge handelt. Niedersachsen verfolgt daher seit 2009 eine abgestimmte Strategie gegen Antibiotika-Resistenzen und beteiligt sich am EU-Projekt „Euregionales Netzwerk für Patientensicherheit und Infektionsschutz“. Das Landesgesundheitsamt unterstütze den öffentlichen Gesundheitsdienst, Krankenhäuser und ambulante Einrichtungen sowie Pflegeeinrichtungen. Auf Bundesebene wurde im August das Infektionsschutzgesetz angepasst.
Mit diesen Maßnahmen befinde man sich „im Wesentlichen im Einklang mit dem aktuellen Aktionsplan der EU vom 15. November 2011 zur Abwehr der steigenden Gefahr der Antibiotikaresistenz, wie er dem Bundesrat zur Stellungnahme vorgelegt wurde“, erklärte die Ministerin.
Sie bestätigte die in der Anfrage verwendeten Daten, nach denen im Mai 2011 in 34 Krankenhäusern 86 % aller aufgenommenen Patienten auf multiresistente Keime (MRSA) untersucht worden sind. Allerdings interpretierte die CDU-Politikerin die Zahlen anders als die Fragesteller, indem sie hervorhob, dass MRSA bei weniger als drei Prozent der Untersuchten nachgewiesen werden konnten. Von diesen wiederum stammten 22 % aus dem Veterinärbereich. Von knapp 4.900 Patienten waren also 27 Patientinnen und Patienten mit MRSA aus dem Veterinärbereich besiedelt, stellte sie ausdrücklich fest, um, wie sie sagte, „Mißverständnissen vorzubeugen“. 78 % dieser Keime stünden demnach nicht mit Tierhaltungen in Verbindung. Ihre Schlussfolgerung: „In Bezug auf den Menschen kann durch Reduktion der Anwendung von Antibiotika in Tierhaltungen nur ein kleiner Beitrag erwartet werden.“
Özkan ging in ihrer Antwort auch auf die Ende November veröffentlichte nicht repräsentative Erhebung des Landwirtschaftsministeriums über die Verwendung von Antibiotika in der Nutztierhaltung ein. Dieses Ergebnis weise auf eine landesweit breite Anwendung von Antibiotika in Tierhaltungen hin, die fachlich hinterfragt werden müsse. Dazu werde gerade mit den zuständigen Behörden eine Minimierungsstrategie umgesetzt. Eine weitere Maßnahme ist die Entwicklung von Filteranlagen zur Vermeidung des Austrags von Keimen aus Tierhaltungen in die Umwelt, sagte die Gesundheitsministerin. An der Zertifizierung von Filteranlagen für Geflügelbetriebe werde derzeit mit Hochdruck gearbeitet. Außerdem befinde sich ein gemeinsamer Runderlass des Umwelt- und Landwirtschaftsministeriums zum Einbau von Abluftreinigungsanlagen in größeren Schweinehaltungsanlagen in Vorbereitung.
Die Ministerin erklärte, anders als von den Fragestellern aus der Grünen-Fraktion erwartet, auf Belange der „Massentierhaltung“ nicht eingehen zu können, da der Landesregierung keine Definition des Begriffes bekannt ist. Jedoch messe sie dem Einsatz von Antibiotika in allen Tierhaltungen grundsätzliche Bedeutung bei, wenn es gelte, Resistenzentwicklung bei Keimen zu verringern.