So schnell lässt sie kein Rind mehr aus der Herde entkommen und das „Kauderwelsch“ der Gauchos versteht sie mittlerweile auch - seit knapp vier Monaten lebt und arbeitet Friederike Plesse auf einer argentinischen Farm in der Provinz Santa Fe.
In Deutschland ist Winter, in Argentinien herrscht Hochsommer vor.
© Plesse
Ich sporne mein Pferd zum Galopp an. Der Wind treibt mir den Sand in die Augen. Ich ziehe die Zügel stark nach links - fast wäre mir eines der 200 Rinder aus der Herde ausgebüchst. Einer der Gauchos gibt mir ein Zeichen zum Halt. Wir haben unser Ziel erreicht: die Wasserstelle. Seit Tagen hat es nicht geregnet und einige Wasserstellen sind ausgetrocknet, daher werden die Tiere täglich umgetrieben. Ein leichter Wind dreht das Rad des Molinos (Wasserpumpe) und einige kostbare Tropfen Wasser lassen den Stand des Auffangbeckens ein wenig ansteigen.
Eine Stadt - zwei Gesichter
Während in Deutschland Winter ist, haben wir in Argentinien Hochsommer.
45 °C im Schatten. Gierig trinken die Tiere. Wir wenden die Pferde und machen uns auf den Rückweg zur Farm. Ich schaue in den wolkenlosen Himmel, um mich verschwimmt alles und ich erinnere mich an die ersten Monate auf argentinischem Boden...
Nach 14 Stunden Flug und kaum Schlaf suche ich nach dem Schild des Taxifahrers, der mich zu meinen Verwandten in die Innenstadt von Buenos Aires bringen soll. Nichts zu sehen. Leider habe ich auch kein Wort Spanisch in meinem Gepäck. Ich tausche die letzten Notgroschen um und rufe Maria an. Sie ist die Tochter der Farmbesitzer Maria Luisa und Peter Thavonat. Sie wohnt mit ihrem Mann und zwei Kindern in der Innenstadt von Buenos Aires. Zwei Wochen lebe und lerne ich in dieser Stadt, bevor ich zu ihren Eltern auf die Farm in Santa Fe reise und Ende März den Flieger wieder in Richtung Deutschland nehme. Museen, Städtetour, Tango- und Diskoabende, Spanischunterricht und vieles mehr - eine aufregende Zeit. Doch eins begleitete mich immer auf Schritt und Tritt: das Heimweh. Ich als waschechtes Landei brauche Landschaft, frische Luft und Tiere um mich herum. In Deutschland wohne ich auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Stillenhöfen - einem kleinen „Kuhkaff“ zwischen Hannover und Celle. Wir haben 80 Milchkühe mit entsprechender Nachzucht und bewirtschaften 100 Hektar landwirtschaftliche Fläche sowie 140 Hektar Wald.
Buenos Aires heißt übersetzt: gute Luft. Gute Luft? Fehlanzeige. Ich habe das Gefühl, dass jeder der zwölf Millionen Einwohner ein Auto besitzt und dieses hupend durch die überfüllten Straßen manövriert. Das geht auf die Ohren und auf die Nerven. Ein Glück hat Buenos Aires neben dem Verkehr auch noch schöne Plätze, viele Gärten und das Hafenviertel zu bieten. Ich schlendere vorbei an Häusern, deren Zuckerbäckerarchitektur an Paris erinnert, und sehe Obdachlose und Straßenverkäufer, die dicht gedrängt auf den Bordsteinen sitzen und für die porteños (Bewohner Buenos Aires) unsichtbar zu sein scheinen. Aber nicht für mich. Die extreme Armut, die vielen obdachlosen Kinder und Hunde brennen sich wie der Auspuffgestank in mein Herz. Buenos Aires hat eben zwei Seiten.
Nach 14 Tagen Großstadt reise ich mit dem Bus in die Provinz Santa Fe. In Hersilia erwartete mich Pedro Thavonat. Der 28-Jährige lebt und arbeitet auf der Farm (siehe Kasten) seiner Eltern Maria Luisa und Peter. Im Pickup fahren wir zur Farm. Herzlich werde ich von der Familie bei einem leckeren Asado (Gegrilltem) begrüßt und bekomme auch schon gleich mein eigenes Pferd zugeteilt. Lavandina (übersetzt: Bleichmittel) soll mein Begleiter für die nächsten Monate sein. Er wurde wegen seinen vielen weißen Punkten auf seinem Rücken so benannt. Auf der Farm sind die Pferde keine Freizeitbeschäftigung, sondern gehören zum Arbeitsalltag der Gauchos. Gauchos sind Arbeiter, die zu Pferd für die Rinderherden, Bullen und Kühe zuständig sind. Ihre Arbeit und die von Peter und Pedro werde ich in den nächsten Monaten begleiten.
Die Kinder der Arbeiterfamilien, die hier mit auf der Farm und damit weit weg von der Zivilisation leben, besuchen eine fünf Kilometer entfernte Dorfschule mit Kindergarten, Grundschule und Sekundarstufe. Ungefähr 40 Kinder von den umliegenden Farmen und teilweise aus dem Dorf gehen auf diese Schule. Natürlich zu Pferd - bei Wind und Wetter. Die ersten zwei Monate nehme ich auch am Unterricht teil, um schneller Spanisch zu lernen.
Da die Kinder höchstwahrscheinlich später in landwirtschaftlichen Betrieben arbeiten werden, spielen landwirtschaftlichen Themen in Theorie und Praxis eine große Rolle. Den Kindern wird im schuleigenen Garten der Anbau von Gemüse und Obst gezeigt, um später die Versorgung ihrer Familie zu verbessern. Auf dem Nachhauseweg galoppieren wir unter der brütenden Mittagshitze nach Hause. Nach zwei Monaten war ich dann schon fast das „Maskottchen“ der Schule und auf allen Schulfeiern präsent. Ich habe in der Abschlussklasse unter den 18 bis 19-Jährigen auch viele Freunde gefunden. Im März 2012 werde ich in der Grundschule ein Praktikum machen und in der Sekundarstufe Englisch unterrichten.
Arbeit? Davon gibt’s reichlich
Nur selten kommt der Tierarzt - hier wissen alle am besten, wie die nicht gelöste Plazenta einer Kuh entfernt oder die Wunden versorgt werden. Zum Kastrieren werden die Jungbullen in eine eingezäunte Weide getrieben, mit gekonntem Lassoschwung eingefangen und mit viel Kraft zu Boden geworfen. Anschließend werden die Bullen wieder auf ihre Weide zurückgebracht, wo sie dreimal täglich gemästet werden, um sie zu verkaufen oder zur eigenen Nachzucht zu verwenden.
Einmal im Jahr organisiert die Familie auch selbst eine Remate (Auktion) auf der Farm. Das Spektakel wird auch auf dem landwirtschaftlichen Sender „Rural“ ausgestrahlt. In Argentinien ist allerdings das Radio das beliebteste Medium, da sich viele Menschen keinen Fernseher leisten können.
Ambrosetti, das nächstgelegene Dorf, hat einen eigenen Radiosender, der im Umkreis von 30 Kilometern empfangen werden kann. Auch ich hatte schon meinen Auftritt dort. Es gab positives Feedback. Viele Leute waren interessiert an meinem Leben in Deutschland. Natürlich habe ich auf Spanisch gesprochen. Die Sprache macht mir jetzt keine Probleme mehr. Sogar das „Kauderwelsch“ der Gauchos verstehe ich.
Ohne Mate - ohne mich
Ich erwache aus meinem Tagtraum und erreiche gemeinsam mit den Gauchos die Farm. Nach einer zweieinhalbstündigen Siesta treffe ich mich mit ihnen zu einem belebenden Mate. Für den Mate findet sich immer Zeit. „Ohne Mate - ohne mich“ würde der Argentinier wohl sagen. Auch für mich gehört das Getränk mittlerweile zum Alltag dazu, sowie die besonnenen und gastfreundlichen Bewohner mit ihrer „was nicht passt, wird eben passend gemacht und wenn nicht heute dann eben morgen“-Einstellung.