Wildes Markttreiben, Straßenhunde streifen durch die Stadt, südamerikanische Musik dringt durch die Gassen - Steffen Hambruch aus Vierde bei Bad Fallingbostel ist beeindruckt vom Stadtbild Talcas.
Agrarstudent Steffen ist unterwegs in Chile und entdeckt nicht nur Wildkühe.
© privat
Viele Schäden vom Erdbeben, dass Talca vor 1,5 Jahren heimgesucht hat, sind noch sichtbar. Aufgebrochene Bürgersteige, die entweder nicht repariert oder nur durch Schotter ersetzt wurden und zerstörte Lehmhäuser, sowie schicke Neubauten prägen das Stadtbild. Durch diese Szenerie ziehe ich als Student für ein Semester „International Agribusiness“ meine zwei großen Rollkoffer zur Bushaltestelle. Ein kleiner, überfüllter und schrottreifer Bus bringt mich in atemberaubender Fahrweise zu meiner Bleibe für die nächsten fünf Monate.
Studenten protestieren
Ich habe Glück und wohne mit meinen deutschen, ecuadorianischen und peruanischen Kommilitonen in einem neuen und erdbebensicheren Haus zusammen, in dem zwar die Wände dünn wie Pappe sind, eine Heizung fehlt, aber dafür WLAN vorhanden ist. Mein positiver Eindruck setzt sich in der Uni fort: weitläufige, bewässerte Rasenflächen, Palmen und eine moderne technische Ausstattung in den Gebäuden.
Ich hatte über den Streik der chilenischen Studenten für bessere und billigere Studienbedingungen gelesen. Auch in Talca wird gestreikt. Die Fakultäten sind mit Plakaten übersät und nachts schlafen die Studenten in besetzen Gebäuden. Ich kann die Forderungen der Streikenden nachvollziehen. Um in Chile studieren zu können, müssen sie sich über Jahrzehnte hoch verschulden und dass, obwohl der Staat durch den Kupferexport reich geworden ist. Wir haben Glück, dass unser kleiner Studiengang mit acht Personen nicht bestreikt wird, da wir bis auf einen Chilenen nur Ausländer sind.
Sprachbarrieren überwinden
Den Aufenthalt in Chile muss ich aus eigenen Mitteln finanzieren. Ich habe aber ein Promos-Stipendium (Programm zur Steigerung der Mobilität von deutschen Studierenden) erhalten, welches zumindest einen Teil der Kosten deckt.
Das Studium ist anstrengender, als in Göttingen. Die Vorlesungsblöcke von vier Stunden am Stück machen mir zu schaffen. Im besten Fall sind die Vorlesungen auf Englisch, manche aber auch in Spanisch. Mitschreiben, übersetzen und verstehen. Sowohl die Professoren, als auch meine spanisch sprechenden Kommilitonen helfen mir. In meinem Studiengang bin ich der Jüngste, denn in Südamerika ist es üblich zwischen dem Bachelor- und Masterabschluss Berufserfahrung zu sammeln.
Neben der Uni möchte ich auch Land und Leute kennen lernen. In meinem Wohngebiet direkt gegenüber der Uni wohnen viele Studenten, die gemeinsam feiern. Besonders spannend finde ich das Pendant zur Agrarparty, der Lawi-Party in Göttingen. So wie wir den bei Agrarstudenten beliebten Knotentanz tanzen, gibt es in Chile den Cueca. Dieser Tanz ähnelt einem Balztanz und wird mit Tüchern, die abwechselnd vor die Augen gehalten werden und über dem Kopf schwingen, getanzt.
Kalt, warm, heiß!
Chile hat eine Nord-Süd Ausdehnung von 4.300 km, ist dabei aber etwa nur 100 km breit. Daher gibt es viele unterschiedliche Klimazonen. Im Norden gibt es die Atacamawüste, im Süden riesige Gletschermassen. Die Anden bilden die Grenze im Osten zu Argentinien und im Westen erstrecken sich der Pazifik und ein Küstengebirge. Zwischen diesen Gebirgen liegt ein fruchtbares Tal, indem rund um Talca vor allem Wein und Obst angebaut wird.
Weiter im Süden wird hauptsächlich Milch erzeugt. Diese Gegend wäre ebenfalls interessant für mich gewesen, da ich auf einem Milchviehbetrieb aufgewachsen bin und auf einem Milchviehbetrieb meine Ausbildung absolviert habe.
Für einen spontanen Tagesausflug kann ich mich morgens zwischen Badehose für den Pazifik oder den Wanderschuhen für die Anden frei entscheiden, da beides bequem in einer Stunde erreichbar ist. Ich bin froh, hier gelandet zu sein.