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Energie | 06.09.2011

Wärmenutzer betreiben eigenes Netz

Im Emsländischen Lathen ist die Energiewende schon fast vollständig vollzogen: 50 Windkraftanlagen, mehrere zehntausend Solarmodule und zwei Biogasanlagen erzeugen dreimal mehr Strom als die Samtgemeinde verbraucht. Auch bei der Wärmeversorgung setzen die Lathener auf Erneuerbare. Eine Schlüsselrolle spielt die Energiegenossenschaft Nahwärme Emstal eG.

 

Die Fermenter der Biogasanlage von Bernhard Johanning werden von einem Hackschnitzelheizwerk aus, das in einem alten Kartoffellager installiert wurde, mit Wärme versorgt.
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Die Fermenter der Biogasanlage von Bernhard Johanning werden von einem Hackschnitzelheizwerk aus, das in einem alten Kartoffellager installiert wurde, mit Wärme versorgt.
Während der vergangenen zwei Jahre wurden in Lathen über 50 km Rohrleitungen als Nahwärmenetz verlegt, über das mehr als 400 Haushalte, Unternehmen und zahlreiche öffentliche Gebäude mit Wärme versorgt werden. Gespeist wird das Netz durch die Abwärme von zwei Biogasanlagen mit fünf Biogas-Blockheizkraftwerken. Eigentümerin und Betreiberin des Netzes ist die 2009 gegründete Energiegenossenschaft Nahwärme Emstal eG.
 
Basisdemokratie
 
Für die Gemeinde hätten zwei Fragestellungen im Mittelpunkt gestanden, erläutert Samtgemeindebürgermeister Karl-Heinz Weber: „Wie können wir die Abwärme aus den Biogasanlagen möglicht effizient nutzen und welche Organisationsform ist für die Bürger die vorteilhafteste?“ Auf Anraten der Volksbank Emstal eG unter Einbeziehung des Genossenschaftsverbandes Weser-Ems habe man schließlich entschieden, die Rechtsform der eG zu wählen. Bei der Gründung erhielt die Gemeinde Unterstützung von der Volksbank Emstal eG, deren Vorstandssprecher Wilfried Freerks auch das Vorstandsamt der Energiegenossenschaft Nahwärme Emstal eG gemeinsam mit dem Prokuristen der Bank, Otto Merkers, übernahm. Die Genossenschaft sei die demokratischste Unternehmensform und biete damit den Bürgern die größtmöglichen Mitspracherechte, betont Otto Merkers. Ziel der Genossenschaft sei es, den Bürgern eine sichere und kostengünstige Wärmeversorgung zu ermöglichen. Laut Karl-Heinz Weber, Aufsichtsratsvorsitzender der Energiegenossenschaft Emstal eG, werden in diesem Jahr weitere 190 Haushalte in den Ortsteilen Lathen-Wahn und Fresenburg für einen Anschluss im Rahmen der Erweiterung eingeplant.
 
Die Mitglieder der Energiegenossenschaft Emstal eG zahlen für die Nutzung der Infrastruktur ein „Eintrittsgeld“ von 4.000 €. Für die Mitgliedschaft ist ebenso ein Geschäftsanteil von 100 € zu zeichnen. Danach schließt die Genossenschaft das Gebäude an das Nahwärmenetz an, baut die Zähler und Wärmetauscher ein und entsorgt die alte Heizungsanlage. Die Mitglieder zahlen derzeit pro Kilowattstunde einen Betrag von 3,946 Cent brutto. Einer der beiden Biogasanlagenbetreiber ist Bernhard Johanning. Die Lieferung der gesamten Wärme an die Genossenschaft habe schon bei der Planung der Biogasanlage festgestanden, erklärt der Landwirt. Das getrocknete und gekühlte Biogas wird deshalb direkt zu drei Blockheizkraftwerken in Lathen geleitet. Drei Generatoren mit einer Leistung von jeweils 240 kW erzeugen dort Strom, den der Landwirt ins Netz einspeist. Nahezu die gesamte Wärmeenergie nimmt die Genossenschaft direkt am BHKW ab.
 
Für die Beheizung der Fermenter hat Johanning eine ungewöhnliche Lösung gefunden. In einem Nebengebäude, das früher als Kartoffellager genutzt wurde, installierte er eine Hackschnitzelheizung. Sie liefert die nötige Wärme für die Fermenter sowie für die Geflügelställe und das Wohnhaus der Familie. Für die Lieferung der Wärmeenergie wurden von der Energiegenossenschaft Nahwärme Emstal eG mit den Betreibern Johanning und Griesen langfristige Verträge geschlossen. Die Landwirte profitieren durch den im EEG verankerten KWK-Bonus von 3 Cent je kWh. An jedem BHKW und bei jedem Kunden sind Messgeräte installiert, mit denen genau ermittelt wird, welche Energiemengen in das Netz eingespeist und aus dem Netz abgenommen wurden. Auf dieser Basis erfolgt dann die Abrechnung durch die Energiegenossenschaft.
 
Mit ORC-Technik
 
Mit dem Ausbau des Netzes ist auch der Wärmebedarf deutlich gestiegen. Um im kommenden Winter auf die zusätzliche Feuerung für Spitzenlasten durch fossile Energieträger verzichten zu können, wurde kürzlich mit dem Neubau eines Holzhackschnitzelheizwerkes begonnen. Im ersten Bauabschnitt wird ein Spitzenlastkessel mit einer thermischen Leistung von 5 MW errichtet. Im kommenden Jahr soll eine zweite Anlage hinzukommen, in der mit Hackschnitzeln elektrischer Strom und Wärmeenergie produziert werden können. Dazu nutzt die Genossenschaft das Organic-Rankine-Cycle-Verfahren (ORC). Bei der Verbrennung der Hackschnitzel wird zunächst ein Thermoöl auf rund 300° Celsius erhitzt. Pumpen leiten das heiße Öl zu einer Dampfturbine, die nicht mit Wasser, sondern mit einer organischen Flüssigkeit betrieben wird. Diese Flüssigkeit hat einen niedrigeren Siedepunkt als Wasser, so dass die Turbine mit geringeren Drücken und Temperaturen als eine Wasserdampf-Turbine arbeiten kann. Gegenüber herkömmlichen Dampfturbinen seien beim ORC die Investitions- und Betriebskosten deutlich niedriger, erklärt Bernhard Hoppe, Inhaber des Ingenieurbüro Hoppe mit Sitz in Lathen, das die Genossenschaft beim weiteren Ausbau berät und beim zukünftigen Betrieb begleitet. Außerdem zeichne sich das ORC-Verfahren durch geringe Wärmeverluste und ein gutes Teillastverhalten aus.
 
Die elektrische Leistung des Generators werde bei 1 MW liegen; daneben könne die Anlage bis zu 5 MW Wärmeenergie in das Nahwärmenetz einspeisen. Der Strom wird nach EEG vergütet, einschließlich eines Technologiebonus für die ORC-Technik. Als Brennstoff für das Hackschnitzelheizkraftwerk wird die Energiegenossenschaft Emstal eG in der Gemeinde Lathen unter anderem Landschaftspflegematerial nutzen. 7,5 Mio. € wird die Genossenschaft in das Kraftwerk investieren. Darin enthalten sind auch die Kosten für zwei 75 m 3 -Pufferspeicher.
 
Interesse wächst
 
Das Interesse am Nahwärmenetz ist nach wie vor groß. Die aktuelle Entwicklung auf dem Gasmarkt habe der Genossenschaft sicher in die Karten gespielt, vermutet Samtgemeindebürgermeister Weber. In den kommenden Jahren hofft die Genossenschaft, dass das Nahwärmenetz Schritt für Schritt auf alle sechs Mitgliedskommunen der Samtgemeinde erweitert werden kann. Langfristig rechnet Samtgemeindebürgermeister Weber damit, dass die Genossenschaft mehr als zwei Drittel aller Gebäude in den Ortskernen an das Nahwärmenetz anschließen kann. Mit der Nutzung erneuerbarer Energien leisten die Bürger der Gemeinde nicht nur einen Beitrag zum Klimaschutz, sondern auch zur Förderung der regionalen Wirtschaft. Rund 10 Mio. € wurden bisher in den Netzausbau investiert.
 
Viele Aufträge, so der Vorstand der Energiegenossenschaft Freerks und Merkers, seien dabei an heimische Unternehmen vergeben worden. Einwohner und Unternehmen profitieren von den niedrigeren Energiekosten. Mit der Produktion von Bioenergie trage die Genossenschaft zudem zur regionalen Wertschöpfung bei, so der Vorstand der Energiegenossenschaft Emstal eG.
 
 
 
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