Thema der 13. Fachtagung des Verbandes der Humus- und Erdenwirtschaft Nord e. V. (VHE-Nord e.V.) war die Konkurrenzsituation zwischen energetischer und stofflicher Nutzung von Grün- und Bioabfällen.
Umsetzen von Kompost in Wiershop im Landkreis Lauenburg: Der Bedarf an Kompost nimmt zu.
© Jensen
Klima und Boden gehören eng zusammen. Sie sind Teile des gleichen Gesamtsystems. Wer also das Klima schützen will, sollte den Boden nicht vernachlässigen. Ansonsten handelt der Klimaschützer kontraproduktiv, weil der Verlust an Bodenqualität irreversible Schäden verursacht. Dieses Fazit zogen die Teilnehmer auf der 13. Fachtagung des Verbandes für Humus- und Erdenwirtschaft Nord e.V., die in diesem Jahr in Goslar unter dem provokanten Titel „Kohle oder Kohl - Wer braucht die Organik?“ stattfand.
Wissenschaftler, Energieexperten und Branchenvertreter referierten und diskutierten über die derzeit vielfältigen Konflikte, mit denen sich die Kompostwirtschaft konfrontiert sieht. Konflikte, die entstanden sind, weil Klima- und Bodenschutz an vielen Stellen nicht harmonieren, sondern sich konträr gegenüberstehen. In allen Vorträgen und Diskussionsbeiträgen stellte sich heraus, dass eine einseitige Nutzung der anfallenden organischen Abfallmengen sowohl ökologisch, ökonomisch als auch gesamtgesellschaftlich keinen Sinn macht.
Trotz des Atomausstiegs und der damit einher gehenden Energiewende darf nicht vergessen werden, so Dr. Julia Krümmelbein vom Lehrstuhl für Geopedologie und Landschaftsentwicklung an der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus, dass es sich bitter räche, wenn der Boden vernachlässigt werde. Gerade wenn der Nutzungsdruck auf die Fläche durch Bioenergie und den Anbau von nachwachsenden Rohstoffen - auch für industriell-stoffliche Zwecke - erhöht werde, müsse eine ausreichende Rückführung von organischem Material auf den Acker erfolgen. „Was passieren kann, wenn wir dies vernachlässigen, wird uns beispielsweise durch den Sandsturm in Mecklenburg-Vorpommern demonstriert“, kritisierte Krümmelbein Anbaumethoden, die zu abnehmenden Humusgehalten führen.
„Wir müssen in Zukunft auf ein ausgewogenes Stoffstrommanagement achten“, resümierte die VHE-Nord Vorsitzende Dr. Anke Boisch warnend. Doch dieser Mix ist nicht leicht zu finden. Schon jetzt haben Kompostierer und auch die nachgelagerten Erden- und Substrathersteller mit Problemen zu kämpfen. „Die Kompostmengen gehen schrittweise zurück“, konstatierte Winfried Temming, Leiter der Abteilung Gartenbau beim Substrathersteller Floragard, einen seit längerem schon bekannten Trend. Zugleich nähme der Bedarf an gütegesicherten Komposten zu, weil der Einsatz von Torf in den Substraten und Blumenerden aus Naturschutzgründen immer weiter reduziert werden soll, so Temming weiter. Vor allem der weiter wachsende Ökogartenbau fordert schon heute die Verwendung von Torfersatzprodukten. „Substratfähiger Kompost wird also knapp“, sieht Temming Engpässe voraus. Worüber die Kompostwirtschaft sicherlich nicht per se unglücklich sein wird, kann man doch mit einem knappen Gut bekanntlich höhere Preise am Markt erzielen.
Mangel an Struktur
Doch so einfach verhält sich die Situation nicht. Denn nicht nur die erzeugte Menge hat sich verringert, sondern auch die Beschaffenheit der angelieferten Biomasse auf Seiten der Kompostwerke. „Der Mangel an Strukturmaterial ist eklatant“, traf Christian Letalik, Mitarbeiter von C.A.R.M.E.N e. V., deshalb den Nerv der mehr als 50 Zuhörer, zu denen neben Anlagenbetreibern auch Behördenvertreter gehörten. In seinem Vortrag „Aufbereitung und energetische Nutzung von holzigem Landschaftspflegematerial“ skizzierte er die rasante Entwicklung im Bereich der mit Holz befeuerten Heizkraftwerke.
Innerhalb der letzten Jahre hat sich die installierte Kraftwerksleistung deutschlandweit verzehnfacht: sie stieg von 120 MW auf 1.250 MW an. Dies hat zur Folge, dass die Nachfrage nach Holz enorm gestiegen ist - auch nach Landschaftspflegeholz, das den Kompostanlagen vielerorts als Strukturmaterial fehlt. Eine Aussage, die von vielen Kompost-Akteuren beklagt wurde. Denn ohne ausreichend holziges Strukturmaterial lasse sich nicht gut kompostieren. Allerdings bezweifelt Meinhard Müller von der Deutschen Kompost Handelsgesellschaft in Geeste, dass bei Grünschnitt rund 20 % als holzige Fraktion für die energetische Nutzung im Biomassekraftwerk separiert werden könnten. „Die Erfahrungen in den von uns betriebenen Kompostanlagen sind andere. Wir gehen von zehn bis maximal 15 % aus.“
Gras vom Straßenrand
Unabhängig von dieser differierenden Einschätzung waren sich aber alle Teilnehmer darin einig, dass bei Berücksichtigung einer ausreichenden Strukturmenge für die Kompostierung, es durchaus wirtschaftlich und klimapolitisch Sinn macht, Teile der holzigen Fraktion direkt bei der Annahme getrennt zu sammeln, aufzubereiten und anschließend an Biomassekraftwerke zu veräußern.
Neben der energetischen Verwertung der holzigen Fraktion wies die Referentin Regina Kleinhans, Mitarbeiterin im Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume in Schleswig-Holstein, auch auf die energetisch-stofflichen Potenziale der Grasschnitte hin. Die im Frühjahr veröffentlichte Studie zu Grünabfällen im nördlichsten Bundesland hat hier erhebliche Potenziale bei Grasschnitt von Straßenrändern und bei Grünlandmähflächen ermittelt.
In der Studie wird unter anderem festgestellt, dass das nutzbare Potenzial von Grasschnitt von Straßenrändern bei 123.000 t Frischmasse liegt. In der „kombinierten Verwertung liegt das größte CO2-Einsparungspotenzial, sofern ein emissionsarmer Anlagenbetrieb sichergestellt ist“, führte Kleinhans aus, die im Kern ihres Vortrages auf die komplexen rechtlichen Rahmenbedingungen der Grünabfallverwertung einging. Sie berichtete über die anstehende Novelle der Bioabfallverordnung, über die düngerechtlichen Anforderungen von Grünabfällen sowie über die neuen Vergütungsregelungen im Bereich Bioabfälle, wie sie im Paragraphen 27 des novellierten Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) fixiert sind. Dieser Vergütungsanspruch besteht jedoch nur, wenn die Gärreste in die Nachrotte gelangen und später stofflich verwertet werden. Dieses Junktim zeigt, dass auch die Berliner Politik die Bedeutung einer ausbalancierten kombinierten Nutzung mittlerweile erkannt hat.
Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass sich in Zukunft neben den bewährten Wegen der Aufbereitung auch neue Verfahren und Erdenprodukte etablieren werden. Dazu gehört sicherlich auch die Herstellung von Biokohle, die aktuell in wissenschaftlichen Kreisen heiß diskutiert wird, jedoch in der gegenwärtigen Praxis allenfalls eine Randerscheinung ist.
Dr. Heinz Stichnothe vom vTI - Institut für Agrartechnologie und Biosystemtechnik betrieb deshalb zunächst Begriffsklärung und gab zudem einen Überblick über die unterschiedlichen Verfahrenstechniken wie Pyrolyse und Hydrothermale Carbonisierung (HTC). Allerdings stehe die Technologie angesichts nur einer einzigen HTC-Großanlage in Deutschland noch in den Anfängen, meinte Stichnothe. Die derzeit noch unklare Rechtslage hinsichtlich der Verwertungsmöglichkeiten von verschiedenen Biokohlen - insbesondere in der Landwirtschaft - ist für die Technologieentwicklung und deren Markteinführung nicht förderlich. „Allerdings gibt es noch erheblichen Forschungsbedarf über die Langzeitwirkung verschiedener Biokohlen im Bodengefüge.“
Fazit in Goslar: Es gibt viele neue Ansätze, die Boden und Klima versöhnen helfen sollen. Nicht alle taugen etwas, und doch wird die Kompostbranche in den nächsten Jahren einen tiefgreifenden Wandel im Umgang mit knapper werdenden Ressourcen, sowohl stofflich als auch energetisch, offensiv mit gestalten müssen.