Mediationen gibt es auch für den (land)wirtschaftlichen Bereich, denn auch hier wird oft nach Wegen gesucht, um sich „allparteilich“ zu einigen.
Miteinander reden - nicht immer können Konflikte im Zweiergespräch gelöst werden.
© Fresenborg
Viele Menschen haben schon einmal im privaten Umfeld den Begriff Mediation gehört, zum Beispiel im Zusammenhang mit Ehescheidungen. Carola N. ist Krankenschwester. Seit sieben Jahren ist die 25-Jährige mit ihrem Freund, dem 26-jährigen Ferkelerzeuger Jörg S. zusammen. Die Beziehung läuft wunderbar, bis die beiden in einer Dachgeschosswohnung auf dem landwirtschaftlichen Betrieb zusammenziehen. Jörgs Mutter Frieda S. ist es ein Dorn im Auge, dass Carola sich ihrer Meinung nach zu wenig für betriebliche Belange interessiert, sondern weiter ihrem Beruf nachgeht. Das Problem wird von beiden Seiten nie angesprochen, sondern als „normale“ unterschiedliche Sicht der Dinge abgetan, mit der man eben klar kommen muss.
Carola qualifiziert sich weiter zur OP-Schwester und ist nun noch weniger auf dem Hof, weil sie in Schichten arbeitet. Das ständige Genörgele von Frieda fängt an, das Paar ernsthaft zu nerven und der Konflikt schwelt unterschwellig weiter.Als die Hofübergabe ansteht, sollen „die Jungen“ nach unten ins Haupthaus ziehen, „weil sich das so gehört.“
Jörg eröffnet daraufhin seiner Mutter, dass sie auf einem Baugrundstück am Rande des Hofes neu bauen wollen und Carola macht ihrer „Schwiegermutter“ unmissverständlich klar, dass sie wie gehabt in ihrem Beruf arbeiten möchte und Jörg einen Auszubildenden einstellen wird. Es kommt zum Streit. Der Konflikt eskaliert. Die Fronten verhärten sich, Mutter Frieda zieht sich von einem Tag auf den anderen aus dem Betrieb zurück, Jörg findet so schnell keinen Ersatz, seine Beziehung zu Carola leidet. Solche und ähnliche Geschehnisse können mit einer Mediation gelöst werden. Mit Unterstützung einer dritten, „allparteilichen“ Person wird versucht, die Verhärtung der Beteiligten wieder aufzuweichen.
Anders als bei einem Schlichter, Schätzer oder Ombudsmann wird aber die Lösung gemeinsam von den beiden streitenden Parteien erarbeitet, der Mediator oder die Mediatorin trifft keine eigenen Entscheidungen, sondern ist lediglich für das Verfahren verantwortlich.
Matthias Tann aus Garbsen ist einer dieser Mediatoren. Der gelernte
Landwirt und Agrar-
ingenieur hat gut 30 Jahre Berufserfahrung im landwirtschaftlichen Umfeld und kennt Menschen unterschiedlichster Nationalitäten und Kulturen, was ihm in seiner Arbeit zugute kommt.
Nach den Mediations-Fragestellungen gefragt, die im landwirtschaftlichen Umfeld am meisten vorkommen, antwortet er: „Häufig ist der sprichwörtliche kleine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, der Auslöser für den Streit. Vordergründig steht dann zwar der große Komplex Generationskonflikt, doch bei genauerem Betrachten treten andere Konfliktfelder schnell zu Tage.
Der Streit eskaliert wegen einer vermeintlichen Kleinigkeit. Er muss für andere Unstimmigkeiten herhalten. Wird der Ursprung des Konflikts nicht geklärt, kommt es immer wieder zu Reibereien. Eine externe Hilfe in Form einer Mediation ist dann genau die richtige Wahl.“ Verständnis und Gespür für die Situation sei eine Grundvoraussetzung für die Mediation, erklärt Tann. Für den Erstkontakt beispielsweise zu einer Hofübergabe hält er den landwirtschaftlichen Hintergrund schon für wichtig. In dieser Phase werde das gegenseitige Vertrauen aufgebaut. Für die spätere Durchführung der Mediation sei dieser hingegen weniger bedeutend.
Ähnlich sieht dies auch Dr. Silvia Riehl, die an der Bezirksstelle Bremervörde der LWK Niedersachsen das Referat Bildung, Beratung, Förderung und Tierproduktion leitet. Außer ihr sind an der Kammer noch zwei weitere Kolleginnen als Mediatoren ausgebildet. Der fachliche Hintergrund sei zwar keine Voraussetzung für die Mediation, erleichtere aber den Zugang zum Kunden und schaffe Vertrauen. Generationskonflikte, Hofübergabe aber auch Ehescheidungen seien die hauptsächlich nachgefragten Probleme. „Ich beobachte, dass die Nachfrage nach Mediation im landwirtschaftlichen Bereich steigt, da das Verfahren langsam bekannter wird und damit auch die Akzeptanz größer.“
99 Euro plus Mehrwertsteuer kostet eine 90-minütige Sitzung bei der Kammer. Längere Sitzungen, so die Erfahrung der Mediatorin, seien selten sinnvoll, da sie zum einen sehr anstrengend für alle Parteien wären und sich zum anderen das Gespräch nach dieser Zeit oft im Kreis drehe. Der Gesprächsinhalt müsse bis zur nächsten Sitzung erst „sacken“.
Würden konkrete Punkte wie das Erstellen von Terminplänen vereinbart, die abzuarbeiten sind, werden die Gespräche in kurzen Abständen gemacht, sollen hingegen Verhaltensänderungen geübt werden, sei ein längerer Abstand notwendig, so Riehl.
Drei Fragen an Matthias Tann, Mediator aus Garbsen:
Wie finde ich einen guten Mediator?
Der Berufsbezeichnung ist nicht gesetzlich geschützt. Es gibt aber Verbände, die eine Ausbildungsordnung haben und feste Anforderungen aufstellen. Daher empfehle ich, sich bei der Suche nach Mediatoren an die Bundesverbände zu wenden. Stimmt die Chemie beim Erstkontakt mit dem Mediator nicht, rate ich dazu, weiter zu suchen.
Wie lange dauert eine Mediation?
In „normalen“ Fällen setze ich pro Sitzung 1,5 bis 2 Stunden an. Bezogen auf ein Thema reichen dann häufig drei bis fünf Sitzungen für eine einvernehmliche Lösung aus. Bei Mediationen, die ich direkt auf dem landwirtschaftlichen Betrieb durchführe, plane ich einen halben Tag pro Sitzung ein.
Wann ist Mediation sinnvoll?
Mediation ist dann sinnvoll, wenn Menschen sich von ihren Gesprächspartnern nicht mehr ausreichend verstanden fühlen. Gerade in Beziehungen, die schon länger bestehen, schleicht sich die Verständnisfalle (= ich weiß was du sagen willst) wie ein Virus ein. Das führt zu Missverständnissen, die aufgestaut werden und zu einem späteren Zeitpunkt eskalieren können. Der richtige und frühestmögliche Zeitpunkt, einen Mediator einzuschalten, wäre dann, wenn einer der (Konflikt-) Partner sich nicht mehr verstanden fühlt. Denn manchmal hilft ein Externer, dass Worte wieder gehört und richtig verstanden werden.