Uelzen - Der 6. Norddeutsche Kartoffeltag fand mit über 80 Teilnehmern eine große Resonanz. Die Referenten der Fachtagung befassten sich mit dem Qualitätserhalt vom Legen bis zur Lagerung und Vermarktung von Speisekartoffeln.
Dr. Rolf Peters, Leiter der Versuchsstation Dethlingen der LWK Niedersachsen, berichtete den Teilnehmern, dass seiner Erfahrung nach 70 Prozent der Beschädigungen an Kartoffeln durch Erntemaschinen verursacht werden.
© Hildebrandt
Die Qualitätsanforderungen an die Speisekartoffeln sind groß. „Die Verbraucher wollen Kartoffeln, die wie Marzipankugeln aussehen“, stellte Reimer Wiborg von der Firma Gaugele GmbH (Lüdersfeld) fest. Entsprechend groß sind die Bemühungen der Erzeuger, ihre Ware ohne Beschädigungen an den Handel zu liefern. Welche Voraussetzungen müssen also erfüllt werden, um Premiumware zu liefern? Und wie lässt sich die Qualität vom Feld bis zum Vekauf erhalten?
„Handauflegen auf den Roder reicht alleine nicht“, sagte Dr. Rolf Peters, Leiter der Versuchsstation Dethlingen der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Seiner Erfahrung nach werden 70 Prozent der Beschädigungen an Kartoffeln durch Erntemaschinen verur-
sacht. „Das muss runter“, sagte Dr. Peters und hatte für die Praktiker einige Tipps auf Lager. Sein Rat: Ein möglichst stufenoser Übergang vom Schar auf die Siebkette. Außerdem ein durchgehendes Erdpolster bis zum Ende des Siebkanals. Hilfreich ist auch eine geringe Fallstufe bei Beschickung und Abgabe.
Weiterhin sollten die Landwirte darauf achten, dass die Geschwindigkeit des mitlaufenden Gummifingerbandes unter den Ableitwalzen möglichst gering gehalten wird. Auch die Verleseketten sollen ruhig auf dem Verlesestand laufen.
Bodenpolster reduzieren die Beschädigungen
Beim Überladen helfen Fallbrecher, Fallsegel oder Bodenpolster. „Dadurch reduzieren sich die Beschädigungen um 90 Prozent“, erklärte Dr. Peters. Den Betriebsleitern riet er, die Verbesserungen aktiv anzugehen: „Sie müssen vorleben, dass ihnen die Qualität wichtig ist.“ Für die laufende Kartoffelsaison sah er ein Infektionspotenzial im Lager: „Vielleicht müssen sie schneller auslagern, als ihnen lieb ist.“
Wie mit einer koordinierten Belüftungstechnik vorgebeugt werden kann, erläuterte Reimer Wiborg (Firma Gaugele). „90 Prozent der Speisekartoffeln werden heute in Kisten gelagert“, sagte Wiborg. Der Trend gehe dabei eindeutig zu zwei oder fünf Tonnen großen Kisten mit einer Zwangsbelüftung. Dabei strömt die Luft durch die Kisten hindurch und kühlt gleichzeitig. Der zweite Trend, so Wiborg, sei die Saugbelüftung. Der Nachteil dabei: 15 Prozent Flächenverlust in der Halle durch breite Lüftungsgänge. „Das muss man sich genau ausrechnen und kann vielleicht in ein anderes System investieren“, sagte der Experte. Er riet zu einer vollautomatischen Lüftungssteuerung. Die Grundlage dazu bilden Widerstandsmessungen in den Kartoffeln mit Hilfe von Sonden.
Dabei wird der Trocknungsgrad genau auf den Punkt festgestellt und der PC steuert in Folge dessen die An- und Abschaltung der Trocknung voll automatisch. Reimer Wiborg machte den Teilnehmern deutlich, dass sie vor dem 1. November die Temperatur nicht unter 10 Grad Celsius absenken sollen. „Wenn die Temperatur nachher wieder ansteigt, ist das schädlich für die Knollen.“ In einer Luftbefeuchtung sieht er keine Alternative zur Kühlung. „Es gibt sicher Effekte durch die Verdunstung. Aber das reicht nicht zur Kühlung aus.“
Bernd Richters aus Bargstedt-Frankenmoor (Kreis Stade) erläuterte den Tagungsteilnehmern sein Betriebskonzept. Mit seiner Frau Karin und Sohn Andreas führt der 50-Jährige einen 80-Hektar-Kartoffelbetrieb. 1992 erfolgte die komplette Betriebsumstellung von Milchvieh auf Speisekartoffelanbau. „Wir konnten damals unsere
Milchquote gut verkaufen und profitierten davon, dass die Direktvermarktung bei uns in den Kinderschuhen steckte“, erklärte Richters. Gute Voraussetzungen also für eine Erfolgsgeschichte.
Bewusst eine schwache N-Düngung geplant
Vor der Anpflanzung der Kartoffeln werden die anmoorigen Böden (15 bis 25 Bodenpunkte) komplett entsteint. Dann erfolgt eine schwache N-Düngung von durchschnittlich 110 kg/ha. „Wir verzichten hier bewusst auf Ertrag, damit die Unterschiede der Sorten wahrgenommen werden.“ Richters baut die Sorten Annabelle, Belana, Cilena, Linda, Gala, Allians und Laura an. 80 Prozent seiner Flächen werden beregnet. Damit erzielt er einen Durchschnittsertrag von 550 dt/ha.
Mit der Ernte wartet er in der Regel bis zum 10. September. Die Besonderheit: Richters legt seine Kartoffeln in den Schwad und lässt sie auf dem Feld trocknen. Anschließend werden sie ohne Schüttler direkt auf dem Feld in die Kisten geladen. Um Beschädigungen zu vermeiden, setzt er auf ein Fallsegel und langsame Kettengeschwindigkeit. Die 2.400 Quadratmeter
große Lagerhalle wurde 2010 neu erstellt. Sie teilt sich in die Gebiete Sortierraum, Raumlüftung und Kühlraum auf. „Wir verlesen gleich hinter der Bürste - damit wird die Ware nur einmal angefasst“, betonte Bernd Richters. Seinen Kunden bietet er neben der direkten Lieferung auch die Möglichkeit, die Ware schälen zu lassen. Darauf hat sich nämlich sein Nachbarbetrieb spezialisiert.
Einen gemischten Ausblick auf die Zukunft gab Franz-Josef Dickopp von der Rheinischen Erzeugergemeinschaft Kartoffeln (REKA): „Die hohen Anforderungen der Zertifizierung werden dazu führen, dass kleinere und mittlere Unternehmen aussteigen.“
Auf einem guten Weg, dass sich die Preise nach oben entwickeln
Willy Isermann vom Heidekartoffelverband stimmte ihm zu. Für die laufende Ernte sah er trotz Übermengen und Übergrößen allerdings einen Lichtblick: „Wir sind auf einem guten Weg, dass sich der Preis entwickeln kann.“ Dickopp stellte den 1.200 Mitglieder umfassenden Verbund vor. Die Kartoffelanbauer in Nordrhein-Westfalen erzeugen 14.000 ha Speisekartoffeln und 18.000 ha Industriekartoffeln. Durch die Ballungsgebiete werde eine Großteil in der Direktvermarktung verkauft. „Für uns war die Qualitätsoffensive Festschaligkeit wichtig, außerdem die Verlagerung von schweren auf leichte Böden“, stellte Dickopp fest.
Die aktuelle Ernte in Westfalen wollte er nicht als Rekordernte bewertet wissen. „Das Gerede über unkontrolliert große Kartoffelmengen ist Quatsch.“ Der Übergroßenanteil sei erst zehn Prozent höher als normal. An die Adresse des Lebensmitteinzelhandels stellte er die Forderung, rechtzeitig deutsche Ware zu listen: „Es kann nicht sein, dass wir erst in die Regale kommen, wenn Spanien nicht mehr da ist.“ Umso wichtiger sei es deshalb für die Erzeugerverbände, Gespräche auf Augenhöhe mit dem LEH zu führen. Dafür gebe es unter anderem eine Markt- und Preiskommission, die auf Bundeseben agiert.
Viele praxisnahe Anregungen mit nach Hause genommen
Mit vielen praxisnahen Anregungen gingen die Teilnehmer aus der Gemeinschaftsveranstaltung von der Marketinggesellschaft der niedersächsischen Land- und Ernährungswirtschaft, dem Niedersächsischen Kompetenzzentrum Ernährungswirtschaft, Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Landvolk Niedersachsen und Deutschem Institut für Lebensmitteltechnik nach Hause. Für die Moderatoren Werner Detmering und Dr. Helmut Steinkamp war das Konzept aufgegangen: „Die Themenmischung stimmte. Wir hatten so viele Anmeldungen wie noch nie.“