Nach guten Jahren müssen die Kartoffelerzeuger in 2011/12 wieder eine Durststrecke durchstehen. Bei aktuellen Erzeugerpreisen zwischen 8,50 und 11 €/dt werden oft noch nicht einmal die Gestehungskosten gedeckt.
Durchwuchskartoffeln sind eigentlich am besten im Mais zu packen.
© Raupert
Auch wenn den Bauern solche Talfahrten nicht neu sind, erfasst doch viele der Frust, weil der Kartoffelmarkt wieder einmal sehr bauchgesteuert zu sein scheint. Die wichtigen Kenndaten der Ernte 2011 zeigen auf, dass die Anbauflächen in Deutschland mit 259.381 ha und in Niedersachsen mit 114.774 ha auf einem sehr konstanten Niveau geblieben sind, berichtete Willi Thiel, LWK Niedersachsen, auf der Vortragstagung Kartoffeln der LWK Niedersachsen und der Saatguterzeugergemeinschaft (SEG) in Wietzendorf in der vergangenen Woche. Die Erträge sind allerdings gegenüber dem schwachen Vorjahresergebnis deutschlandweit mit 460 dt/ha und in Niedersachsen sogar mit 472 dt/ha deutlich angestiegen.
Daraus ergibt sich eine Erntemenge von 11,9 Mio. t, die zwar erheblich über dem Vorjahreswert liegt, aber nichts über die verwertbare Menge aussagt. So ist 2011 sehr viel groß fallende Ware angefallen, deren Verwertung problematisch war und ist. Der ungewöhnlich hohe Preisdruck ist daher von dieser Seite unbegründet. Druck sei jedoch in diesem Jahr durch die gestiegenen Erträge und Erntemengen in der EU-27 entstanden. Laut Thiel sind mit 61,25 Mio. t etwa 4 Mio. t Kartoffeln mehr auf dem EU-Markt als noch 2010.
Als sehr positiv vermerkte der Kammerexperte, dass die mit Erfolg feldbesichtigte Vermehrungsfläche mit 16.293 ha (Nds. 5.273 ha) auf gleichem Niveau gelegen habe wie in 2010. Bei den bundesweit angemeldeten Sorten liegen seinen Angaben zur Folge Agria mit 816 ha (-21 %), Kuras mit 699 ha (-10 %), Belana mit 687 ha (+13 %), Gala mit 652 ha (+15 %) und Marabel mit 590 ha (-9 %) auf den ersten Plätzen. Starke Steigerungen wiesen z. B. Allians mit + 41 % (260 ha) und Soraya mit +52 % (207 ha) auf. In Niedersachsen führen Belana mit 427 ha (+13 %), Kuras mit 288 ha (-13 %), Agria mit 260 ha (-20 %), Cilena und Marabel mit jeweils 178 ha vor Gala mit 166 ha, Allians mit 165 ha (+70 %) und Zorba mit 164 ha das Sortenfeld an.
Die durchschnittliche Größe der angemeldeten Pflanzkartoffelvermehrungen nähert sich mit 2,62 ha weiter der 3-ha-Marke im Z-Bereich. Die Anzahl der Vermehrer sei dagegen um 31 auf 362 abgesunken. Die Fläche je Vermehrer stieg von 13,77 ha auf 14,93 ha in 2011 an. Bemerkenswert sei auch, dass der prozentuale Anteil der Vermehrer in der Größenklasse über 20 ha je Betrieb weiter zunimmt. Diese Klasse stelle aktuell schon 22,4 %.
Die Kammerdaten zeigen ferner, dass insgesamt nur 2,9 % oder 150 ha der mit Erfolg besichtigten Pflanzkartoffelfläche wegen Virusbefall aberkannt worden sind. Ähnlich gute Werte sind auch in Mecklenburg-Vorpommern und in Schleswig-Holstein erzielt worden. Unter den am meisten mit Virus befallenen Sorten fielen in 2011 u. a. Allians (11x) mit Befallswerten zwischen 9 - 65 %, Linda (8x) mit 9 - 42 % und Alexandra (4x) mit 9 - 28 %) auf.
Veraltetes System
Welche Ansprüche von Käufern an das Pflanzgut gestellt werden, zeigte Martin Umhau,
Landwirt aus Sachsen-Anhalt und Vorstandsvorsitzender der UNIKA, auf. Für ihn steht fest, dass Z-Pflanzgut eine unabdingbare Voraussetzung für einen rentablen Kartoffelanbau darstellt. Dennoch werde nie ein 100%iger Pflanzgutwechsel vollzogen. Ein Grund sei z.B. das starre System der Pflanzgutbedarfsberechnung. „Der Kauf von Z-Pflanzgut ist für die Landwirte immer noch das unsicherste Geschäft, was es gibt“, meinte der Kartoffelanbauer.
Statt gebrochene Sortierungen anzubieten oder eine genaue Anzahl von Knollen pro Einheit anzugeben, werde immer noch pauschal nach Tonnen Pflanzgut abgerechnet. Dies sei überholt, da die Knollen je nach Vegetationsbedingungen sehr unterschiedlich in der Größe ausfallen, kritisierte Umhau. Zur Auspflanzung benötige man im Durchschnitt etwa 40.000 Knollen/ha. Als Faustzahl werden auch häufig 25 dt/ha genannt. Je nach dem wie die Ware ausfalle, benötige man bei viel großfallender Ware aber deutlich mehr Knollen als bei mittlerer Sortierung.
Diese verschiedenen Bedarfe würden sich natürlich auch auf den Preis auswirken. Statt durchschnittlich 1.000 €/ha steigen seiner Berechnung zur Folge die Pflanzgutkosten bei groß fallender Ware schnell auf 1.500 €/ha, was nicht kalkulierbar sei. Umhau forderte die Züchter deshalb auf, zügig bessere und praxisnähere Lösungen zu entwickeln, die die Interessen aller Beteiligten befriedigen.
Verbesserungsbedarf sieht der UNIKA-Vorsitzende auch bei den Sortenangaben. So hänge die Sortenwahl stark von den Standortbedingungen, der verfügbaren Technik und dem Verwendungszweck ab. Auch Zusatzleistungen und Informationen der Handelspartner zu Angeboten über Sondersortierungen, verwendeten Beizmitteln, zur Keimstimmung, zur Herkunft der Partie und zu Sonderverpackungen seien für die Käufer von großem Interesse.
Als unbefriedigend nannte Umhau auch die Praxis, größere Pflanzgutpartien von einer Sorte aus zwei oder mehr Herkünften zusammenzustellen. „Auf diese Weise können je nach Herkunft bereits Ertragsunterschiede bei der gleichen Sorte von 10 bis 20 % auftreten“, kritisierte der Kartoffelanbauer. Umhau forderte, zukünftig größere und einheitliche Partien von etwa 50 t Pflanzgut anzubieten. Auch bei der Lieferung mahnte er Verbesserungen, insbesondere bei der Terminvereinbarung und der Kontrolle der Lieferpapiere, an. Seinen Berufskollegen riet er, zugekaufte Partien nicht mit eigener Ware zu mischen, um mögliche Reklamationen nicht zu gefährden.
Noch konkurrenzfähig?
Die Wirtschaftlichkeit des Stärkekartoffelanbaus unter veränderten Rahmenbedingungen untersuchte Rolf Fricke von der Bezirksstelle Uelzen der LWK Niedersachsen. Ein Vergleich von Deckungsbeiträgen verschiedener Getreidearten, Energiemais und Stärkekartoffeln bescheinige der Stärkekartoffel zwar ein höheres Niveau und geringere Schwankungen über die Jahre, sei aber dennoch nicht zielführend. Sinnvoller sei es, auch die Arbeitskosten und die festen Maschinenkosten mit einzubeziehen.
Bei der Berechnung von Praxisbetrieben habe sich gezeigt, dass die Stärkekartoffel bei Erträgen von 435 dt/ha und einem Preis von 7,12 €/dt die Direktkosten und die Arbeitserledigungskosten decken konnte. Unter dem Strich blieben 200 €/ha übrig, der Weizen kam in diesem Vergleich auf 140 €/ha, Roggen fiel mit -150 €/ha deutlich ab. Für die Deckung der hohen Flächenkosten seien diese 200 €/ha jedoch zu wenig, bemerkte Fricke.
Er hielt fest, dass die Stärkekartoffeln in der Vergangenheit einen positiven und stabilisierenden Einkommensbeitrag leisten konnten. Trotz höherer Arbeits- und Maschinenkosten konnte die Stärkekartoffel mit dem Getreideanbau konkurrieren. Der Abstand zum Weizen sei aber eigentlich zu gering. Wie wettbewerbsstark der Energiemais sei, hänge zudem stark von den regionalen Gegebenheiten ab. „Wenn Energiemais mit 1.500 bis 2.000 € ab Feld gehandelt wird, ist er sogar Weizen, Raps und auch der Stärkekartoffel überlegen“.
Durch die neuen Rahmenbedingungen wird sich die Situation verändern. So müssen die Stärkekartoffelanbauer laut Fricke bereits 2012 beachten, dass die Stärkequote, der garantierte Mindestpreis, die Verarbeitungshilfe von etwa 0,40 €/dt und die gekoppelte Prämie von etwa 1,40 €/dt entfallen. Die Prämie werde 2012 einmalig als Top Up gezahlt.
Da der Getreide zukünftig eine Eckpreisfunktion einnimmt, errechnete Fricke Gleichgewichtspreise für die Stärkekartoffel. Bei einem Ertrag von 450 dt/ha und Gesamtkosten von 3.490 €/ha bei der Stärkekartoffel ergibt sich laut Fricke unter der Annahme von 75 dt/ha und 20 €/dt für Getreide ein Gleichgewichtspreis von 7,76 €/dt. Dies bedeutet, dass die Stärkekartoffel ab diesem Preis Getreide überlegen ist.
Bei einem höheren Ertragsniveau von 500 dt/ha bzw. 85 dt Getreide bewege sich der Gleichgewichtspreis in Richtung 7,20 €/dt. Erziele man dagegen nur ein Ertragsniveau von etwa 400 dt/ha bei Kartoffeln und 65 dt bei Getreide, klettere der Gleichgewichtspreis in Richtung 8,00 €/dt. Ursache sei, dass der Ertragshebel für die Stückkosten bei der Kartoffel größer ist als beim Getreide.
Das Thema Bekämpfung von Durchwuchskartoffeln in der Fruchtfolge beschäftigt die Landwirte seit vielen Jahren. Paul Steingroever von der Bezirksstelle Bremervörde berichtete hierzu, dass durch Durchwuchskartoffeln in der Hauptfrucht nicht nur Ertragsverluste entstehen. Viel wichtiger seien die phytosanitären Effekte, die in Form von Bakterien, Nematoden, Pilzen und Virosen ein latentes Risiko im Boden bilden würden. Erstes Ziel einer funktionierenden Feldhygiene müsse es daher sein, die Ernteverluste zu minimieren und eine intensive Bodenbearbeitung nach Kartoffeln vorzunehmen. Hier sollte möglichst flach gearbeitet werden, damit der Frost im Winter die Knollen zerstört.
Im Mais bekämpfen
Auch die Folgefrüchte können aufgrund ihrer unterschiedlichen Konkurrenzkraft eine hohe unterdrückende Wirkung wie z. B. Winterroggen und Wintergerste, oder aber auch eine eher geringe unterdrückende Wirkung wie Mais und
Zuckerrüben auf die Durchwuchskartoffeln ausüben. Angesichts der teilweise „Schwindel erregenden Zuwächse des Maisanbaus wird sich das Problem Durchwuchs laut Steingroever noch verstärken.
Versuche mit üblichen Herbiziden in verschiedenen Kulturen haben eindeutig gezeigt, dass die Durchwuchskartoffel am besten durch aggressive Maisherbizide ausgeschaltet werden kann. Im Getreide falle dies schon wesentlich schwerer und sei kaum von durchschlagendem Erfolg gekrönt. In
Zuckerrüben riet er zur E- & S-Variante, also dem Einsatz von Eisen und Stahl!
Sein Fazit lautete, Durchwuchskartoffeln gerade aus phytosanitären Gründen konsequent zu bekämpfen und hierbei alle anbautechnischen Maßnahmen auszuschöpfen. Die getesteten Getreide- und Maisherbizide seien sehr unterschiedlich wirksam. Höchste Wirkungsgrade seien in Mais erzielt worden. Zu bedenken sei aber, dass die Bekämpfungserfolge stark vom Termin, der Kartoffelsorte und der Witterung abhängen.