Welche Chancen und Risiken bietet der Tierschutzplan Niedersachsen für Rinderhalter? Antworten auf diese und weitere Fragen zu den Themen Tierschutz und -gesundheit gab es vorige Woche aus erster Hand im Bildungszentrum Echem.
Bereits in seiner Begrüßung unterstrich der Vizepräsident der LWK Niedersachsen, Gerhard Schwetje, die Bedeutung des landwirtschaftlichen Bildungszentrums (LBZ) im Kreis Lüneburg für die Aus-, Fort- und Weiterbildung. Hier könnten Überlegungen aus der Forschung direkt für die Praxistauglichkeit erprobt werden.
Auch Thorsten Riggert, Vorsitzender vom Bauernverband Nordostniedersachsen, erwartet künftig von Echem noch mehr Hilfestellung bei der Suche nach dem Optimum auf den landwirtschaftlichen Betrieben. Man dürfe nicht die Zeit verschlafen und müsse jetzt zügig mit dem Ausbau beginnen. Auch außerhalb der Landwirtschaft gebe es einen hohen Informationsbedarf, zumal Teile der Gesellschaft mittlerweile „weit weg“ seien von der praktischen Landwirtschaft.
Landwirtschaftsminister Gerd Lindemann erläuterte Chancen und Risiken „seines“ Tierschutzplans insbesondere für die Rinderhalter und fand gegenüber den 130 Tagungsteilnehmern klare Worte: „Es gilt, Missstände zu benennen, aktiv zu werden und nötige Verbesserungen einzufordern, um die Landwirtschaft wieder in die Mitte der Gesellschaft zu rücken und die Distanz zwischen Verbrauchern und moderner Tierhaltung abzubauen“.
Dabei geht es dem Politiker nicht in erster Linie um den Begriff Massentierhaltung, für den es ohnehin keine verbindliche Definition gibt. Für ihn ist klar, dass mit dem Strukturwandel auch die Bestandsgrößen stetig gewachsen sind. „Tierschutzdefizite pauschal auf die Größe der Ställe zurückzuführen, ist schlichtweg falsch und spiegelt nicht die Ergebnisse von Tierschutzkontrollen wider“, betonte er. Ohne Frage gebe es Probleme im Tierschutz, doch werde die Diskussion zur Nutztierhaltung „leider zu oft unsachlich“ geführt.
Mit dem Tierschutzplan soll es eine Grundlage für eine offene Kommunikation und gemeinsame Lösungen geben. Man werde ergebnisoffen diskutieren und die Wettbewerbsfähigkeit gewährleisten. Die Realisierung der Maßnahmen soll in drei Schritten erfolgen: Konzepterstellung, Erprobung und Umsetzung. Dabei möchte man sich Zeit nehmen für praxisnahe Lösungen.
Bestandteil des Tierschutzplanes ist auch die Rinderhaltung, wenn auch Kühe durchweg ein positives Image in der öffentlichen Wahrnehmung haben. Lindemann sieht Handlungsbedarf bei Euter- und Klauenerkrankungen, ganzjähriger Haltung auf Betonspaltenböden sowie in Anbindeställen. Eine Betäubung beim Enthornen der Kälber soll künftig Pflicht werden, denn die bisherige Praxis sei mit Schmerzen für das Tier verbunden. Wo Rinder nicht weiden, können Laufhöfe errichtet werden.
Laut Prof. Kerstin Müller vom Fachbereich Veterinärmedizin der FU Berlin beträgt die mittlere Lebensleistung deutscher Milchkühe 24.000 Liter und die Nutzungsdauer drei Jahre. Bis zur ersten Kalbung verursacht eine Färse Kosten in Höhe von 1.600 €. Das Tier rentiert sich für den Tierhalter erst ab dem Zeitpunkt, wo es die Aufzuchtkosten zurückverdient hat. Dieser Punkt liegt in der dritten Laktation. Grund genug, ein höheres Lebensalter anzustreben.
Erst wenn eine Kuh an jedem Tag ihres Lebens 15 Liter Milch und mehr geliefert hat (Lebenstagsleistung), rechnet sie sich unter den heutigen Produktionsbedingungen für den Betrieb. Betrachtet man die Abgangsraten der Milchkühe, dann fällt auf, dass die höchsten Abgangsraten nicht bei denjenigen Kühen gefunden werden, die sich aufgrund höheren Alters im Zenit ihrer Leistungsfähigkeit befinden, sondern bei den Jungkühen (29 % in der ersten Laktation gegenüber 20 % in der dritten Laktation). Die größten Verluste - etwa ein Viertel aller Abgänge - werden in den ersten 30 Tagen nach der Kalbung verzeichnet. Hauptgründe sind Euterkrankheiten gefolgt von Fruchtbarkeitsstörungen und Klauen- und Gliedmaßenerkrankungen.
In den vergangenen Jahrzehnten waren die Zuchtziele zu einseitig auf hohe Milchleistungen ausgerichtet. Dieses hat dazu geführt, dass die Kühe wesentlich großrahmiger geworden sind, die Haltungssysteme jedoch nicht entsprechend mitgewachsen sind. Züchtungsbedingt haben sich die Proportionen der Kühe verändert. Der Schwerpunkt hat sich nach hinten verlagert und die Kuh ist dünnhäutiger geworden. Insofern müssen Aspekte der Gesundheit und Lebenseffektivität zukünftig mehr berücksichtigt werden.
Grundsätzlich stellte die Referentin fest, dass sich die Bedingungen, unter denen Kühe gehalten werden, durch die mit der Laufstallhaltung verbundene Mobilität deutlich verbessert haben, dass jedoch in Teilbereichen Defizite bestehen, die durch geschulte Beobachtung sowie Zollstock, Block und Stift einfach festgestellt und an Normwerten gemessen werden können. Als Problembereiche identifiziert wurden Gestaltung von Liegeboxen, Anzahl und Breite der Fressplätze, Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von Tränken, Abmessungen, Hygiene und Beschaffenheit der Laufflächen. Rinder sollten den größten Teil des Tages liegend verbringen. Die Klauen werden geschont und das Euter wird besser durchblutet. Dazu benötigt jedes Tier eine Liegebox, in die es sich ungestört ablegen kann.
Die Periode um die Abkalbung stellt für Müller „eine besonders empfindliche Phase im Leben einer Kuh“ dar. Deshalb sollte beim Stallbau vor allem auf die Gestaltung des Abkalbebereiches Wert gelegt werden. Bewährt haben sich Modelle, bei denen die Kuh kurz vor der Kalbung in einem kleinen Stallabteil abkalbt und danach wieder in ihre gewohnte Gruppe geht.
Kommen Kühe ständig ständig in neue Gruppen, stellt solch ein Wechsel im Sozialgefüge eine enorme Stresssituation für die Tiere dar, mit negativen Folgen für die Tiergesundheit. Das Kalb sollte kurz nach der Geburt in eine Box gebracht werden; je länger es bei der Mutter belassen wird, desto „schmerzhafter“ ist die Trennung von Kuh und Kalb.
Nach Schätzungen der EU weisen ein Drittel der gehaltenen Milchkühe eine Lahmheit auf. Die Bedingungen der modernen Milchkuhhaltung kommen den Bedürfnissen insofern nicht entgegen, als harte, mit Kot und Harn verschmutzte Laufflächen der Klauengesundheit schaden. Aus diesem Grunde ist eine regelmäßige, durch geschulte Personen durchgeführte Klauenpflege unverzichtbar.
Müller berichtete von eigenen Untersuchungen, demzufolge eine regelmäßige, durch einen professionellen Klauenpfleger durchgeführte Klauenpflege dazu beiträgt, dass sich die Bewegungsnoten verbessern. Insofern sieht sie die professionelle Klauenpflege als zentralen Bestandteil des angewandten Tierschutzes in landwirtschaftlichen Betrieben. Vor allem die Gestaltung der Laufwege (breit genug, griffig, jedoch nicht zu uneben) und der Bereiche, die längere Stehzeiten bedingen (Vorwartebereich), tragen erheblich zur Gesund-erhaltung der Klauen und des Stoffwechsels bei, da Ketonkörper durch Bewegung abgebaut werden und Kühe mit gesunden Klauen häufiger den Fressplatz aufsuchen.
Der Hygiene von Lauf- und Liegeflächen muss nach Einschätzung der Wissenschaftlerin besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, denn die Verunreinigung der Tiere fördert nicht nur das Vorkommen von infektiösen Klauenerkrankungen, sondern ist mit einer höheren Mastitishäufigkeit verbunden.
Zusammenfassend meinte Müller, dass die Wissenschaft genügend Ansatzpunkte für die Erkennung, Beseitigung und Vermeidung von Schwachstellen im Betrieb liefert. Man müsse gemeinsam Strategien zur Beseitigung der Schwachstellen erarbeiten, sich Ziele setzen und den Erfolg der Maßnahmen kontrollieren.
Während der Veranstaltung, zu der auch vier mehrstündige Workshops gehörten, stellten Martina Wojahn und Dr. Uwe Clar von der neuen LBZ-Geschäftsführung die Bedeutung von Echem für die Aus-Fort- und Weiterbildung dar. Wichtig sei ein Dreiklang von Tierverhalten, Gesundheit und Leistung; die Tiere müssten immer im Mittelpunkt stehen. Dabei hängt das Tierwohl in erster Linie vom Tierhalter und nicht von der Bestandsgröße ab. Wichtig sei zudem mehr Verständnis und Offenheit zwischen Landwirten und Verbrauchern; vielen würde ein realistisches Bild der Landwirte fehlen. Dazu soll ein „Schaufenster Landwirtschaft“ dienen.
Die Wintertagung Rind soll nach dieser gelungenen Premiere als jährliche Veranstaltung zu aktuellen Themenschwerpunkten der Milch- und auch Fleischrinderhaltung mit hohem Praxisbezug fortgeführt werden. Geplant ist auch eine Sommertagung Rind zum Kompetenzbereich Klauenpflege/-management.
Stattfinden sollen weiterhin ein- bis zweitägige Qualifizierungslehrgänge mit hohem Praxisbezug für Rinderhalter mit den Schwerpunkten Fütterung, Herdenmanagement/Controlling, Fruchtbarkeit/Tiergesundheit und Melktechnik/Melkhygiene. In weiteren Veranstaltungen geht es um die Themen Homöopathie für Rinderhalter, Melktechnik und -hygiene sowie Emissionsmanagement im Futterbaubetrieb. Andere Arbeitsbereiche sind die Leistungssteigerung und Einkommensverbesserung in Verbindung mit Tierwohl und Umweltverträglichkeit und Respekt im Umgang mit dem (Nutz-)Tier; hier sieht sich das LBZ Echem in einer Vorbildfunktion.