Gesellschaftliche Erwartungen und ethische Aspekte zum Thema Nutztierhaltung - Themen wie diese standen im Zentrum des DLG-Kolloquiums „Nutztierhaltung und gesellschaftliche Akzeptanz“.
Bartmer: Die Landwirtschaft muss sich kritischen Fragen stellen.
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Carl-Albrecht Bartmer, Präsident der DLG, forderte die Landwirte auf, sich der abnehmenden Akzeptanz der Nutztierhaltung in der Gesellschaft entgegenzustellen. „Der
Landwirt vor Ort, vielfältig eingebunden in die sozialen Strukturen seiner Kommune, ist der glaubwürdigste und vertrauensvollste Botschafter dessen, was er tut“, betonte Bartmer. Tierhalter dürften sich nicht in dem Wissen, recht zu haben, hinter Stall- und Hofmauern zurückziehen, sondern müssten ihr Tun gegenüber der Öffentlichkeit transparent machen.
Der DLG-Präsident sieht eine „informative Bringschuld der Branche“, die diese zu lange vernachlässigt und häufig auf Verbandsebene delegiert habe. Die Signale der Öffentlichkeit, seien sie aus dem Blickwinkel der Produzenten noch so schwer verständlich, offenbarten ein Informationsdefizit. Dabei trennte Bartmer scharf zwischen den verschiedenen Formen der gesellschaftlichen Auseinandersetzung.
Landwirtschaft muss sich kritischen Fragen stellen
Auf der einen Seite komme es bundesweit immer wieder zu Straftaten in Zusammenhang mit Tierschutz und Tierrecht, davon sieben Prozent mit Gewaltanwendung. Solche Fälle von Rechtsbruch müssten die in den Gesetzen vorgesehenen Konsequenzen haben.
Aber das Einfordern von Rechtspositionen werde nicht reichen in einer Gesellschaft, die zunehmend Entscheidungsstrukturen hinterfragt. Die Landwirtschaft müsse sich den kritischen Fragen der Öffentlichkeit nach dem Antibiotikaeinsatz, nach Zuchtzielen, nach artgerechten Haltungs-, Fang- und Schlachtverfahren stellen.
Neben den positiven Effekten der Tierhaltung in ländlichen Räumen (Wertschöpfungsaspekte, regionale weitgehend geschlossene Nährstoffkreisläufe zwischen einem Acker- und Viehbetriebszweig mit sehr positiven Aspekten für die Bodenfruchtbarkeit), stünden in sehr wettbewerbsfähigen Tierhaltungsregionen auch negative Effekte, wie Emissionen in Luft und Wasser.
Bartmer forderte für diese Diskussion jedoch eine sachliche Debatte ein, bei der eine wissenschaftlich fundierte Analyse an die Stelle emotionaler Betroffenheit tritt und die sich an den Bedürfnissen der Tiere ausrichtet - und auch daran, dass es sich bei Huhn, Schwein oder Kuh nicht um Wildarten, sondern um seit Jahrhunderten domestizierte Arten handelt. „Wir sollten ein umfängliches System nachhaltiger Tierhaltung anstreben, in dem exakt messbare Indikatoren alle drei Säulen der Nachhaltigkeit belegen“, sagte Bartmer.
Neues Leitbild zur nachhaltigen Intensivierung
Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst ging in seinem Beitrag auf den „Zukunftsmarkt Tierproduktion“ und die Herausforderungen durch Bevölkerungsanstieg und Veränderung der Nahrungsgewohnheiten ein. Windhorst zeigte zunächst, dass Deutschland, noch vor wenigen Jahren eines der wichtigsten Einfuhrländer für Schweine- und Hähnchenfleisch, mittlerweile neben den USA, Dänemark und den Niederlanden zum wichtigsten Ausfuhrland für Schweinefleisch geworden ist und auch beim Hähnchenfleisch inzwischen einen Selbstversorgungsgrad von deutlich über 100 % erreicht hat. Das bedeutet eine zunehmende Abhängigkeit von der Preisentwicklung auf den Weltmärkten.
Hinzu kommen nach Windhorst weitere Risiken, wie eine erhöhte Umweltbelastung in den Verdichtungsräumen der Produktion, ein steigendes Seuchenrisiko - und die abnehmende gesellschaftliche Akzeptanz: Denn die hohe Dynamik in der Schweine- und Hähnchenmast führe zu wachsenden Protesten gegen Großanlagen und eine weitere Verdichtung. Windhorst machte jedoch deutlich, dass eine Einschränkung oder Extensivierung der Produktion aus seiner Sicht verantwortungslos gegenüber der zukünftigen Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung sei. Gerade am leistungsstarken Standort Deutschland sei vielmehr ein neues Leitbild geboten, das Windhorst mit „Nachhaltige Intensivierung“ umschrieb.
Technik und Tierwohl sind kein Gegensatz
Auch Dr. Lars Schrader ging in seinem Beitrag von der abnehmenden Akzeptanz der Bevölkerung für viele gängige Tierhaltungsverfahren aus. In der Kritik stünden dabei nicht nur Verstöße gegen rechtliche Auflagen, sondern auch legale und übliche Praktiken. Die Tiergerechtheit von Haltungsverfahren sei an den biologischen Funktionen der Tiere, der Vermeidung negativer Empfindungen und der Möglichkeit für wesentliche, artspezifische Verhaltensweisen zu bewerten. Dies müsse aber auch mit der Sicherung des Einkommens aus der Tierhaltung und dem Arbeitsschutz in Einklang stehen. Der Biologe zeigte anhand verschiedener Beispiele, wie schon relativ kleine Maßnahmen deutliche Verbesserungen erreichen können.
Zum Beispiel hängt das Federpicken bei Legehennen und Mastputen viel stärker mit der Genetik der Tiere zusammen als mit Haltungsbedingungen und lässt sich durch entsprechende Selektion und Züchtung besser lösen als durch Veränderungen im Stallbau. Beim Problem des Schwanzbeißens in der Schweinemast wird der größte Effekt durch die Gabe von Langstroh erzielt, das dem Drang der Tiere nach Wühlen zur Nahrungssuche entgegenkomme.
Am Beispiel der Milchviehhaltung wies Schrader nach, dass die Investitionen für mehr Tierwohl in Stallungen sich durch höhere Leistungen der Tiere auszahlen. „Technik und Tierwohl schließen sich nicht aus“, betonte er.
Die Genehmigung von Tierhaltungsanlagen im Außenbereich stößt zunehmend auf Akzeptanzprobleme: Von diesem Faktum ging Prof. Dr. Wilhelm Söfker in seinem Vortrag aus. Die Entwicklung landwirtschaftlicher und gewerblicher Tierhaltungsanlagen habe in verschiedenen Regionen negative Auswirkungen auf die städtebauliche Entwicklung und die Siedlungsentwicklung der Gemeinden gehabt.
Anhand verschiedener Beispiele untersuchte Söfker, ob das Bauplanungsrecht zur Lösung dieser Konflikte ausreichend sei. Dabei hielt er fest, dass Gemeinden die Baugesuche für Tierhaltungsbetriebe durchaus sehr unterschiedlich entscheiden, gerade indem sie die Standortsteuerung durch gemeindliche Bauleitplanung nach geltendem Recht vornehmen. Die aktuelle Diskussion um das Tierwohllabel wurde vom Praktiker unter den Referenten aufgegriffen: Philipp Schulze Esking ging in seinem Vortrag der Frage nach, wie sich heute ein schweinehaltender Betrieb aufstellen lässt. In den letzten 15 Jahren sei die Zahl der Betriebe auf ein Drittel geschrumpft, gleichzeitig liege die Zahl der Schlachtschweine um 50 % höher und übersteige deutlich die stagnierende Inlandsnachfrage.
Schulze Esking stellte detailliert dar, wie die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Betriebe im Spannungsfeld zwischen Weltmarkt, gesetzlichen Auflagen und gesellschaftlichen Erwartungen aussehen, und betonte, dass Nachhaltigkeit seit jeher eine Grundbedingung landwirtschaftlichen Unternehmertums sei - schließlich gehe es um langfristige Produktion und Sicherung der Hofnachfolge. Anhand von Modellrechnungen für verschiedene Betriebskonzepte - Intensivierung, Extensivierung, Diversifizierung - zeigte der
Landwirt die Erfolgschancen verschiedener Strategien auf.
Betriebskonzepte immer sehr realistisch gestalten
Die Teilnahme am Tierwohllabel sieht er dabei mit Skepsis: Zwar werde für Fleisch aus „artgerechter Haltung“ ein Marktanteil von 20 % der Käufer vorausgesagt, aber schon der Silberstandard verursache Mehrkosten von 30 bis 40 Cent je kg Schlachtgewicht, der Goldstandard sogar bis zu 60 Cent - und zu diesem erhöhten Preis ließen sich bekanntlich nur die „Filetstücke“ absetzen. In seinem Fazit forderte Schulze Esking die Landwirte auf, aus der Defensive zu kommen und ihre Betriebskonzepte realistisch zu gestalten - reine Spezialisierung sei nur noch für absolute Spitzenbetriebe eine Option.