Wenn Bauern heute Entscheidungen treffen, werden diese stärker als in der Vergangenheit die Entwicklung der Betriebe, ja der ganzen Landwirtschaft beeinflussen. Grund genug, sich dem Thema „Landwirtschaft der Zukunft – Jetzt handeln mit Mut und Augenmaß“ zu widmen.
Rund 1.000 Besucher kamen vergangene Woche zum Unternehmertag nach Oldenburg. Foto: Ahlers
Nach Einschätzung von Gerhard Schwetje, Vizepräsident der LWK, wird es für Unternehmen immer schwieriger, die Weichen richtig zu stellen, weil die Entscheidungsprozesse immer komplexer werden. Einerseits wird eine nachhaltige Landwirtschaft gefordert, die sich an den Bedürfnissen der heutigen und zukünftigen Generationen, an den begrenzten Ressourcen sowie an der begrenzten Belastbarkeit unserer Ökosysteme orientiert. Andererseits lautet der Auftrag, zukünftig zehn Milliarden Menschen auf der Welt zu ernähren.
In der Gesellschaft gerät das Wachstum landwirtschaftlicher Betriebe immer wieder in die Kritik. Die Landwirtschaft muss diese Kritik zur Kenntnis nehmen, denn sie bleibt nicht ohne Folgen. Auch die Politik hat bereits darauf reagiert. Das zeigen zum Beispiel der Tierschutzplan in Niedersachsen, aber auch Überlegungen, die Teilprivilegierung baurechtlich gewerblicher Tierhaltungsanlagen abzuschaffen.
Schwetje glaubt, dass es nur mit einer modernen Landwirtschaft gelingen wird, mehr Lebensmittel, aber auch Energiepflanzen auf immer weniger Boden nachhaltig zu produzieren. Das setzt einen radikalen Wandel der globalen Nahrungsmittelerzeugung voraus. Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Praxis – müssen an einem Strang ziehen, um die Welternährung auf Dauer zu sichern.
Peter Kuhlmann-Warning vom Arbeitskreis Landwirtschaft der Volks- und Raiffeisenbanken ging in seinem Grußwort auch auf die stetige Zunahme der Energiegenossenschaften ein auf annähernd 50 in der Region. Sie versorgen ihre Mitglieder mit Energie durch Lieferung von elektrischem Strom und Erdgas sowie Wärme aus örtlichen Nahwärmenetzen und betreiben gemeinschaftlich Photovoltaikanlagen oder Windkraftanlagen.
Mit Balance grünes Wachstum ermöglichen
Dass es für die weltweite Landwirtschaft unterschiedliche Zukunftsszenarien gibt, erläuterte Prof. Dr. Dr. Franz-Josef Radermacher von der Uni Ulm auf der Vortragstagung vor rund 1.000 Besuchern vergangene Woche in Oldenburg. Veranstalter waren LWK, Landvolk und Volks- und Raiffeisenbanken. Nach seiner Auffassung gibt es drei mögliche Entwicklungslinien:
den Kollaps, einen Zusammenbruch der Ökosysteme mit extremen Konsequenzen wie etwa Hungersnöten, die Ökodiktatur mit einer massiven Verarmung der meisten Menschen auf diesem Globus, und die Balance, in der sich Marktwirtschaft und Nachhaltigkeit zur weltweiten ökosozialen Marktwirtschaft verbinden und „grünes“ Wachstum ermöglichen.
„Dabei ist eine Welt in Balance das wünschenswerte Szenario – auch aus Sicht der Landwirtschaft in Deutschland“, sagte der Wissenschaftler. In diesem Fall seien zehn Milliarden wohlhabende Menschen zu ernähren, die über entsprechende Kaufkraft verfügten. Im Szenario der Ökodiktatur würden die meisten Menschen, auch die in den heute reichen Ländern, arm werden. Das gelte auch für Landwirte. Verarmte Staaten würden den Finanzmarkt in Krisen stürzen, so wie sie Europa derzeit erlebt. Der Kollaps der Ökosysteme könnte die Folge einer galoppierenden Klimakatastrophe sein. Er würde wahrscheinlich im „Süden“ der Welt stattfinden und Asien stärker betreffen als den Westen. „Der Kollaps wird für die betroffenen Menschen ein Desaster sein, aber auch sehr unangenehme Rückwirkungen für uns haben“, so Radermacher.
Er empfahl den Landwirten, diese drei Szenarien bei ihren Entscheidungen mit zu berücksichtigen. „Ein einfaches Rezept gibt es dabei nicht“, sagte der Wissenschaftler. Er empfahl den Zuhörern, bei Wachstum und Investition mit Weitsicht zu agieren. „Bei ungünstiger Entwicklung kann Größe schnell ein Problem werden und zu viel Fremdkapital den Verlust von Eigentum bedeuten“, so der Professor. Deshalb seien Strategien zu verfolgen, in denen auch im ungünstigsten Fall Kredite zurückgezahlt werden können.
Die Zukunft mit Lebensfreude gestalten
Den Faktor Arbeit in einer nachhaltigen Unternehmensentwicklung beleuchtete Uwe Bintz von der LWK. Unter dem Motto „Die eigene Zukunft mit Lebensfreude gestalten“ zeigte er auf, dass viele wachstumswillige Familienbetriebe sich arbeitstechnisch an der oberen Belastungsgrenze bewegen. „Innerhalb der Familie muss darauf geachtet werden, dass bei allem Zwang zum Wachstum keine arbeitswirtschaftliche Überforderung stattfindet“, sagte Bintz und riet zu einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Anspannung und Entspannung.
Die Einstellung von Mitarbeitern als Weg aus der Arbeitsfalle stelle nicht nur zusätzliche Anforderungen an den
Landwirt hinsichtlich Arbeitsorganisation und Mitarbeiterführung. Um eine leistungsgerechte Bezahlung zu ermöglichen, müsse der Betrieb – wie bei allen anderen Investitionen auch – sehr gute Produktionsleistungen und damit auch überdurchschnittliche Deckungsbeiträge erzielen. „Dabei heben sich Biogas und die Geflügelhaltung deutlich von der Schweine- und Rindviehhaltung ab“, so der Unternehmensberater.
Er forderte die Landwirte auf, Produktionsreserven konsequent zu nutzen, was eine kontinuierliche Produktionskontrolle zwingend notwendig mache. Hier habe der
Landwirt den größten Einfluss, seine Wirtschaftlichkeit zu optimieren. „Investitionen, die zu einer nachhaltigen Verbesserung der biologischen Leistungen führen, sind in der Regel immer rentabel“, resümierte Binz.
Sowohl in der Milcherzeugung als auch beim Rindfleisch bewegen sich aktuell die Marktpreise deutlich über dem langjährigen Durchschnitt. Vor diesem Hintergrund lagen die Direktkostenfreien Leistungen im vergangenen Wirtschaftsjahr um etwa 20 Prozent höher als in der Vergangenheit. Genau umgekehrt verhält sich die Situation in der Schweinehaltung. Ferkelerzeuger als auch Mäster mussten im vergangenen Wirtschaftsjahr Einbußen von zehn bis 20 Prozent hinnehmen. Durch den rapiden Ferkelpreisrückgang in Verbindung mit den hohen Futterkosten ist die aktuelle Situation für die Ferkelerzeuger dramatisch.
Trotz der steigenden Futtermittelpreise blieb die Wirtschaftlichkeit in der Hähnchenmast auf einem annähernd konstanten Niveau. Durch einen deutlichen Anstieg des Schlachtpreises konnten die hohen Futterkosten kompensiert werden. Die Legehennenhalter sind von der aktuellen Situation weniger betroffen, da sie hauptsächlich mit mittel- und langfristigen Garantieverträgen produzieren, in denen der Eierpreis an dem Futtermittelpreis gekoppelt ist.
Aufgrund des Energieeinspeisegesetzes (EEG) spielt die aktuelle Marktsituation bei Biogaserzeugern eine untergeordnete Rolle. Der Anstieg des Maispreises lässt bei stark zukaufsorientierten Betrieben entsprechende Rentabilitätseinbußen erwarten. Durch die Veränderungen des EEG ab 2012 werden die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Biogasbereich deutlich verändert. Hieraus ergeben sich eventuelle Chancen für Rindviehhalter mit hohen Gülleanteilen, in Kleinanlagen zu investieren.
820 Kühe und das Wachstum geht weiter
Wie unterschiedlich die Zukunftsausrichtung landwirtschaftlicher Unternehmen aussehen kann, schilderten zwei Landwirte. Der Milchviehhalter Dirk Böschen aus Grasberg (Landkreis Osterholz) hatte den elterlichen Betrieb 1998 mit damals 95 Kühen übernommen. Mit seinem Vater zog er immer an einem Strang und das auch noch in die gleiche Richtung. Heute hält er 820 Kühe und bewirtschaftet seinen inzwischen 380 ha großen Betrieb mit zwölf Mitarbeitern.
Bei seiner Planung steckt er seine Ziele immer wieder neu ab. Bereits 2004 hatte er sein erstes Ziel – 400 Kühe – erreicht. „Damals wurde mir klar, dass das nur eine Station und nicht das Ende meines Weges war“, erklärte der dreifache Familienvater. Er setzt nach wie vor weiter auf Wachstum, 950 Kühe lautet das nächste Ziel. Echte Spezialisierungseffekte, ein geregelter Schichtdienst sowie die Kostendegression des Melkkarussells lassen sich nur durch einen noch größeren Kuhbestand erreichen. Dies ist in den neuen Bundesländern nichts Ungewöhnliches, im überwiegend von bäuerlichen Familienbetrieben mit 80 bis 100 Kühen geprägten Niedersachsen schon.
Bei seinen Wachstumsschritten hat Böschen immer Wert auf Kuhkomfort gelegt: „Unsere Kühe sollen einen artgerechten, luftigen, hellen und weichen Arbeitsplatz haben und sich wohl fühlen. Die Milchleistung liegt inzwischen bei über 10.000kg.
Gesundes Wachstum, um wettbewerbsfähig zu bleiben
Auch Dirk Frahne, Schweinemäster aus Goldenstedt (Landkreis Vechta), hat seinen Betrieb aus kleinen Anfängen weiterentwickelt. Vor 18 Jahren begann er mit 60 Sauen, 220 Plätzen für Mastschweine und 50 ha Ackerland. Heute hat er 320 Sauen, 1.600 Ferkelplätze, 240 Mastplätze und 76 ha Ackerland, für die er 2,0 Arbeitskräfte (AK) benötigt. Bei allen Planungen strebt er nach „gesundem Wachstum, um wettbewerbsfähig zu bleiben“. Konkret heißt das, künftig die Ferkel nicht mehr zu verkaufen, sondern selber im geschlossenen System zu mästen. Ziel ist eine höhere Wertschöpfung. Die biologischen Leistungen sind heute schon beachtenswert: 29,4 abgesetzte Ferkel.
Insgesamt setzt Frahne heute weniger auf Expansion, als vielmehr auf eine stetige Verbesserung der Produktionskennzahlen. Eine „runde Produktion“ nennt das der 42-jährige Landwirt. Und mit langfristigen „risikooptimierten Investitionen“ will er die Stabilität und Liquidität des Unternehmens sichern. Dazu hält er eine Jahreseinkommen von 100.000 € vor Steuern für notwendig. „Ich möchte den Betrieb möglichst schuldenfrei an meine Kinder übergeben“, lautet sein unternehmerisches Ziel. Ebenso wichtig sind dem zweifachen Familienvater ein harmonisches Familienleben, sein Hobby, die persönliche Fortbildung und sein Engagement im Ehrenamt.
In seinem Schlusswort sprach Landvolkpräsident Werner Hilse über die Bedeutung vom nachhaltigen Wirtschaften und forderte auch von der Politik Nachhaltigkeit. Die Landwirtschaft gehöre zu den Zukunftsbranchen. Damit sei eine realistische Einschätzung wichtig und die landwirtschaftlichen Unternehmerfamilien müssten auch die Lebensqualität im Auge behalten.