Bisher durchgesickerte Details zu möglichen Auswirkungen der GAP-Reform auf die Zuckermarktordnung sorgen vor allem bei den Verarbeitern und Verwendern für heftige Diskussionen. Einig scheint man sich nun darin zu sein, künftig wieder mehr auf Ware aus der heimischen Erzeugung zu setzen.
Zucker ist ein knappes Gut geworden. Foto: Raupert
Die Politik regelt nicht alles, deshalb müssen Erzeuger und Verwender in einen echten Dialog treten, um aktuelle und künftige Schwierigkeiten am Zuckermarkt abzufedern. Dieses Fazit zog Klaus-Dieter Borchardt von der Generaldirektion Landwirtschaft der EU-Kommission auf dem parlamentarischen Abend des Bundesverbandes der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) in Brüssel. Ohne ein genaues Datum zu nennen, bestätigte Borchardt, dass die Kommission ein Auslaufen des Quotensystems zwischen 2015 und 2020 anstrebe. Für den Spitzenbeamten ist dieser Schritt die konsequente Fortsetzung der 2006 begonnenen Zuckermarktreform.
„Faire Preise zahlen“
Borchardt bestritt, dass die Zuckermarktreform schuld an aktuellen Versorgungsengpässen sei. Das Ziel, den Sektor langfristig am Leben zu erhalten und ihn gleichzeitig in den Markt zu entlassen, sei vielmehr erreicht worden.
Der Direktor der Abteilung Direktzahlungen, Marktmaßnahmen und Absatzförderung erteilte Forderungen der Zuckerverwender, die Quote bis 2015 wieder auf das Niveau vor der Reform anzuheben, eine klare Absage. Borchardt räumte ein, dass man in der Kommission nicht damit gerechnet habe, dass die Lieferungen aus den AKP-Staaten ausbleiben könnten. Den Herstellern gab er mit auf den Weg, sie müssten den Erzeugern faire Preise zahlen, und regte die Schaffung eines Systems langfristiger Verträge an.
Der BDSI-Vorsitzende Dietmar Kendziur bekräftigte, dass sich die Verarbeiter einem akuten Versorgungsengpass gegenübersähen, und machte die Zuckerreform dafür verantwortlich. Die EU habe ihre Eigenversorgung administrativ auf 85 % des Bedarfs abgesenkt. Die entstandene Lücke werde jedoch, anders als erwartet, nicht von den Partnerländern Afrikas, der Karibik und des Pazifik (AKP-Staaten) gedeckt. Kendziur bezeichnete die Maßnahmen der Kommission als nicht ausreichend. Man habe bereits vor der Zuckermarktreform die Abschaffung der Quoten gefordert. Gleichzeitig hob er hervor, dass den Verarbeitern der Erhalt der europäischen Erzeugung ein wichtiges Anliegen sei.
Erzeuger ließen Federn
Fred Zeller, der Geschäftsführer des Verbandes Süddeutscher Zuckerrübenanbauer (VSZ), rechnete vor, dass die Verwender in der verarbeitenden Industrie durch die umfangreichen Preissenkungen zu Beginn der Reform von einer jährlichen Entlastung in Höhe von insgesamt 3,3 Mrd. Euro profitiert hätten. Im Gegenzug hätten 130.000 Landwirte die Rübenproduktion eingestellt, 80 Raffinerien seien geschlossen worden und mehr als 20.000 Arbeitsplätze verlorengegangen. Zeller verwies auf die jüngsten Exportzuwächse der deutschen Süßwarenhersteller. Die Lage dieser Unternehmen könne dann ja so schlecht nicht sein, folgerte er.
Der agrarpolitische Sprecher der EVP-Fraktion im Europaparlament, Albert Deß, forderte die Beibehaltung der Zuckerquoten bis mindestens 2020. Das Hauptproblem an der aktuellen Marktlage sei, dass die AKP-Länder ihre Sonderrechte als Lieferanten nicht nutzten, weil die Weltmarktpreise so hoch seien. Deshalb dürfe man aber nicht die Marktordnung insgesamt in Frage stellen. Er verwies auf eine Entschließung des Europaparlaments, mit der die Weiterführung der Zuckerquoten bis mindestens 2020 gefordert wird.
Im Vorfeld der Lobbyveranstaltung in Brüssel hatte das Bonner Infozentrum Zuckerverwender (IZZ) der Industrie vor einer Preisexplosion und Versorgungsengpässen beim Zucker gewarnt. Seit Monaten stünde die Hersteller von Konfitüren, Limonaden, Süß- und Backwaren vor größten Schwierigkeiten, ihren Bedarf an Zucker zu decken, teilte das IZZ mit.
AKP für Quotenerhalt
Einige Hersteller hätten bereits auf zusätzliche Aufträge verzichten müssen, weil die Lieferanten die notwendigen Zuckermengen nicht hätten zusagen können. Die in dem IZZ zusammengeschlossenen Branchen fordern daher bis 2015 die Erhöhung der Zuckerquote auf 100 % des Eigenbedarfs und danach die völlige Abschaffung des Quotensystems.
Dagegen haben sich die EU-Partnerstaaten Afrikas, der Karibik und des Pazifik (AKP-Länder) für die Beibehaltung der EU-Zuckerquoten über 2016 hinaus ausgesprochen. Die Europäische Kommission plant, die Regelung nach dem regulären Auslaufen 2015 um lediglich ein Jahr zu verlängern. In Reaktion auf entsprechende Presseberichte erklärte die Brüsseler Vertretung der AKP-Länder, damit werde die Kommission den Herausforderungen wie Angebotssicherung und Preisstabilisierung nicht gerecht. Die traditionellen Drittlandserzeuger und die ärmsten Länder hätten in Effizienzverbesserungen investiert. Jetzt sei sicher nicht der Zeitpunkt, die Einschnitte der letzten Jahre als Fehler oder verzichtbar zu erklären.
Qualität stimmt nicht
Zu Wort meldete sich auch der Bundesverband der obst-, gemüse- und kartoffelverarbeitenden Industrie (BOGK) und forderte, dass Europa zur Selbstversorgung zurückkehren müsse. „Hier stimmt die Qualität, es bestehen eingespielte Lieferbeziehungen und es ist nachhaltig“, sagte Geschäftsführer Christoph Freitag dem Informationsdienst Agra Europe. Für Ingo Erik Stamer, Chefeinkäufer beim Fruchtverarbeiter Zentis, hat die Politik 2006 die Marktentwicklung unterschätzt. Ware aus Entwicklungs- und Schwellenländern sei keine echte Alternative, da sie in der Qualität stark schwanke. Gerade in brasilianischem Rohstoff fänden sich oft Eisenpartikel, Schadstoffe und Brandrückstände. Dafür hätten europäische Unternehmen keine Verwendung. Deren Kunden verlangten Qualität, Nachhaltigkeit und kurze Wege.
Indes hat der Deutsche Bauernverband (DBV) seine Forderung nach Beibehaltung der Marktordnung in der jetzigen Ausgestaltung bis 2020 bekräftigt. Das Mengenmanagement in Verbindung mit Rübenmindestpreisen garantiere nicht nur ein hohes Maß an Versorgung aus heimischer Erzeugung, sondern es erlaube, effektiv und flexibel auf Überschuss- und Knappheitssituationen zu reagieren, erklärte DBV-Generalsekretär Helmut Born.